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Zu Besuch im Windpark Verenafohren: "Ein sanfter Windstoss, und man hört Windenergieanlage nicht mehr"

(RB) Auf dem Lindenberg ist ein Windpark geplant. Wie ein solcher aussieht, zeigte eine Exkursion nach Süddeutschland zum Windpark Verenafohren, einen Steinwurf von Schaffhausen entfernt. Eingeladen hat die Windpark Lindenberg AG. Höhe, Geräusche und Tierwelt stiessen bei den Teilnehmenden auf besonderes Interesse.

Im August beim Schulhausplatz Beinwil im Freiamt: Rund 30 Personen haben sich zu einer Exkursion versammelt. Ziel ist der Windpark Verenafohren in Süddeutschland, unmittelbar hinter der Schweizer Grenze bei Schaffhausen. «Ich fahre mit, weil ich mir selber ein Bild von Windanlagen machen will», sagt der Beinwiler Albert Kreyenbühl, bevor er in den Car steigt. Organisiert hat den Besichtigungsnachmittag die Windpark Lindenberg AG. Das Konsortium will auf dem Lindenberg vier Windräder bauen. Um Interessierten einen vergleichbaren Windpark zu zeigen, lädt das Unternehmen die Hitzkircher und Beinwiler Bevölkerung zu Exkursionen nach Verenafohren ein. Ein wenig ist es deshalb auch als eine Werbefahrt für das Lindenberg-Projekt zu werten. Die beiden «Reiseleiter» Franco Castelanelli von der CKW und David Gautschi von der AEW verhalten sich diesbezüglich aber zurückhaltend. Sie fordern die Teilnehmenden explizit dazu auf, die Verantwortlichen «mit Fragen zu löchern».

Kurz vor Schaffhausen sind die drei Windenergieanlagen zum ersten Mal zu erblicken, und nach zwei Stunden Fahrt, kurz nachdem die Grenze zum Bundesland Baden-Würtemberg überquert ist, erreicht der Car das Ziel. Die beschauliche Ortschaft Wiechs am Randen gehört zur 5000-Seelen-Stadt Tengen. Unterhalb von Wiechs breitet sich die malerische Hegau-Landschaft aus. Sie ist von sanften Hügeln geprägt, die in grauer Vorzeit einmal Vulkankegel waren. So klein Wiechs auch ist, so hält der Ort ein paar grosse Überraschungen parat. Am Dorfeingang steht ein Werk des bekannten Motorsägenherstellers Stihl. Grund: Die Familie Stihl stammt aus Wiechs. Auf der anderen Seite, auf den bewaldeten Hügeln, steht eine weitere Attraktion; Seit zwei Jahren drehen drei Windräder.

 Die Windenergieanlage ragt über die Baumwipfel hinaus. 200 Meter ist die Anlage vom Boden bis zur Rotorspitze hoch, die Nabenhöhe misst 134 Meter. Bild: SeetalerBoote
Die Windenergieanlage ragt über die Baumwipfel hinaus. 200 Meter ist die Anlage vom Boden bis zur Rotorspitze hoch, die Nabenhöhe misst 134 Meter. Bild: SeetalerBoote

Wind übertönt Rotor-GeräuscheDer Car fährt die steile, schmale Waldstrasse hoch. «Alles Material für die Windräder ist hier hoch transportiert worden», sagt Benedikt «Bene» Müller, was erstaunte Schweizer Zwischenrufe auslöst. Müller, in Wiechs zugestiegen, ist Vorstandsmitglied von Solarcomplex, einer Genossenschaft, die im Jahr 2000 gegründet wurde mit dem Ziel, die Energieversorgung in der Region auf erneuerbare Energien umzustellen. Solarcomplex ist eines von insgesamt elf am Windpark beteiligten Unternehmen. Darunter sind viele Stadt- und Gemeindewerke, auch aus Schaffhausen. Der Windpark ist gemäss Müller der erste im Landkreis Konstanz.

«Im Moment läuft die Anlage mit Nennleistung, also mit maximaler Geschwindigkeit», sagt Müller. Das sind elf Rotor-Umdrehungen pro Minute.«Achten Sie auf die Geräusche», fordert Bene Müller die Gruppe auf. Denn wie eineWindenergieanlage tönt, darauf seien die meisten Besucher am neugierigsten. Da im Wald zwischen den Bäumen gerade Windstille herrscht, ist die Windenergieanlage gut zu hören. Das Geräusch der Rotorblätter erinnert ein bisschen an ein Flugzeug, das weit entfernt am Himmel vorbeifliegt. Allerdings reicht ein sanfter Windstoss, und man hört Windenergieanlage nicht mehr drehen.

«Achtung Eiswurf», warnt beim Kehrplatz zudem ein Schild mit Blinklicht. Eine Vorsichtsmassnahme für den Fall der Fälle. «Die Warnlampe kam noch nie zum Einsatz», sagt Bene Müller. Franco Castelanelli von der CKW fügt an, dass die Rotorblätter der geplanten Lindenberg-Anlagen mit einer Heizung ausgestattet sein werden.

Dann gehts los Richtung Windenergieanlage. Noch 150 Meter, 100 Meter, dann steht die Gruppe unter der imposanten Anlage, die immer noch mit Nennleistung dreht. Auch hier gilt; bläst Umgebungswind, hört man das Rotor-Geräusch nicht mehr.

Strom für 20 000 Menschen

Die Planung für das Projekt Verenafohren startete im Jahr 2012. Als Erstes habe man die Windverhältnisse geprüft. «Auf den Hügeln im Hegau bläst der Wind mit etwa sechs Metern pro Sekunde. Das reicht für Windenergie», sagt Bene Müller. Nach weiteren Voruntersuchungen wurde die Baueingabe eingereicht, «mit unzähligen Ordnern, von Bodengutachten über Eiswurf bis zum Artenschutz», so Bene Müller. Das zuständige Landkreisamt erteilte die Bewilligung 2016. Nach einem halben Jahr Bauzeit nahm die Anlage im Juni 2017 den Betrieb auf. Die drei Windräder produzieren Strom für rund 20 000 Menschen. Das entspreche in etwa den umliegenden drei Gemeinden, die auch Mitbesitzer der Anlagen sind – und dadurch auch finanziell profitieren. Die Anlage erwirtschaftet gemäss Müller rund 1,6 Mio. Euro jährlich. Gekostet hat sie rund 16 Mio. Euro.

Die drei Windräder produzieren Strom für rund 20 000 Menschen. Bild: SeetalerBoote
Die drei Windräder produzieren Strom für rund 20 000 Menschen. Bild: SeetalerBoote

Im ersten Betriebsjahr erreichte der Windpark die gesteckten Ziele allerdings nicht. Für Bene Müller kein Grund zur Beunruhigung. «Das Windaufkommen schwankt von Jahr zu Jahr. Dieses Jahr sind wir auf Kurs. Über die geplante Laufzeit von 20 Jahren werden wir unsere Ziele erreichen.»

Anschliessend stellen die Seetaler und Freiämter fleissig Fragen. Was wird zum Schutz der Fledermäuse getan? Bene Müller: «Wenn es abends zwischen 17 und etwa 22 Uhr wärmer als 10 Grad ist und wenig Wind hat, schaltet die Anlage ab.» Und was ist mit den Wildtieren? Gemäss dem Revierförster habe die Anlage keinen Einfluss auf das Wild, sagt Müller. Und gibt es viele tote Vögel? «Ich war schon an die 50 Mal hier oben und habe noch nie einen toten Vogel gesehen», sagt Müller. «Dies zeigt, dass es kein häufiges Phänomen sein kann. Es sterben aber sicher Vögel, denn Null-Toleranz ist nicht möglich. Man muss aber fairerweise anfügen, dass der Mensch mit vielen Dingen in die Natur eingreift, zum Beispiel mit Autobahnen oder Strommasten. Auch dort sterben Tiere.»

In Wiechs habe es keinen nennenswerten Widerstand gegen das Projekt Verenafohren gegeben. Und dies, obwohl die vom Windpark eingenommene Fläche 220 Grundstücke mit 82 Eigentümern umfasst. Entsprechend viele Pachtverträge mussten unterzeichnet werden. Drei Gründe waren gemäss Bene Müller ausschlaggebend für den Erfolg. «Dass die katholische Kirche als grösster Grundstückbesitzer sowie die Familie Stihl, die hier ebenfalls Wald besitzt, dem Projekt zugestimmt haben, hatte grosse Signalwirkung.» Zudem habe auch die Stadt Tengen das Projekt aktiv unterstützt.

«Mit eigenen Augen sehen»
«Mein Eindruck ist positiv», sagt Albert Kreyenbühl auf der Rückfahrt im Car. Insbesondere die Rotoren-Geräusche seien eher ein geringes Problem. «In 300 Meter Entfernung hört man fast nichts mehr.» Auch das Vogel- und Fledermausthema sei in seinen Augen ein kleines Problem. Beim Windpark auf dem Lindenberg müsse man das Thema Wasser genau anschauen. Die Gemeinde Beinwil bezieht ihr Trinkwasser aus Quellvorkommen vom Lindenberg.

Am Ausflug nach Verenafohren mit dabei war auch Herbert Birrer. Der Müswanger Landwirt ist Initiant des geplanten Windparks auf Luzerner Seite (Windenergie Lindenberg AG). Sein Exkursions-Fazit: «Wer über die Lindenberg-Windräder mitdiskutieren will, sollte einmal Verenafohren mit eigenen Augen gesehen haben.» Er selber habe vor allem hören wollen, wie eine moderne Windkraftanlage tönt. Die geplante Müswanger- Windenergieanlage wird nur rund 300 Meter von seinem Hof zu stehen kommen. «Klar, die Windenergieanlage wird hörbar sein. Aber in Anbetracht dessen, dass die Verenafohren- Windenergieanlage heute mit Nennleistung drehte, habe ich das Gefühl, dass man es nur in der näheren Umgebung ein wenig wahrnimmt. Das ist für mich beruhigend.» Ein weiterer positiver Punkt, den Birrer betont: «Man hat nicht das Gefühl, dass die Anlage 200 Meter hoch ist, wenn man direkt darunter steht.»

Bis allenfalls auch auf dem Lindenberg Windräder Strom produzieren, wird es noch einige Zeit dauern. Gemäss David Gautschi von den AEW findet die Volksabstimmung über die Umzonung frühestens in zwei Jahren statt. Viel Zeit also, sich ein eigenes Bild zu machen. Zum Beispiel in Verenafohren.

Weitere Exkursionen nach Verenafohren finden am 16. und 29. November statt.

Text: von Reto Bieri, SeetalerBote

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