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Neue Entwicklungen ermöglichen besseres Nebeneinander von Windenergie und Flugsicherheit

Neue Radartechnologien ermöglichen ein immer besseres Nebeneinander von Windenergie und Luftfahrt. Rund 70 Teilnehmer informierten sich am 8. September in Bern an einem Seminar von Skyguide und Suisse Eole über die neusten Entwicklungen der Flugsicherheit sowie planerische und bewilligungstechnische Fragen bei Windparkprojekten. Ein Experte aus Bayern gab Entwarnung beim Infraschall.

„Der gesetzliche Rahmen allein produziert noch keinen Strom“, unterstrich Karl Vogler, Vize-Präsident von Suisse Eole, zu Beginn des gemeinsamen Seminars von Sykguide und Suisse Eole. „Wir müssen die Gesetze nun möglichst rasch umsetzen. Dazu brauchen wir eine offene Haltung gegenüber Neuem. Die Überschwemmungen in den USA, im Bergell und Asien zeigen uns klar die Folgen des Klimawandels. Wir müssen den CO2-Ausstoss drastisch senken. Daher freuen wir uns über den guten Dialog mit Skyguide, der zum Bespiel zu Investitionen in neue Radaranlagen geführt hat.“

Zu den Präsentationen des Seminars (Download)

„Der gesetzliche Rahmen allein produziert noch keinen Strom“, unterstrich Karl Vogler, Vize-Präsident von Suisse Eole. Bild: A. Niederhäusern
„Der gesetzliche Rahmen allein produziert noch keinen Strom“, unterstrich Karl Vogler, Vize-Präsident von Suisse Eole. Bild: A. Niederhäusern

Kanton Bern setzt auf regionale Prüfräume
Der Kanton Bern war einmal ein besonders windenergiefreundlicher Kanton, wusste Matthias Haldi, Projektleiter Energieplanung AUE des Kantons, zu berichten. Der Windpark Juvent ging 1996 nach nur zweijährigem Planungs- und Bewilligunsverfahren in Betrieb. „Von solch sportlichen Umsetzungsphasen können wir heute nur noch träumen“, erklärte Matthias Haldi. Der Kanton definierte 2012 erste regionale Windenergieprüfräume im Windkonzept, das bereits 2016 überarbeitet und um 13 neue Standorte auf 32 erweitert wurde. „Diese Standorte werden anschliessend von den Regionalkonferenzen geprüft. Die Nutzungsplanung obliegt dann in einem weiteren Schritt den Gemeinden.“ Haldi unterstrich, dass es sich bei den Prüfräumen nicht um bereits definitive Entscheide des Kantons handelt. Wo die Windparks gebaut werden, soll von den Regionen und Gemeinden entschieden werden. Haldi wünscht sich mehr Planungssicherheit für die Branche. Die betroffenen Regionen müssten motiviert und aktiv unterstützt werden. Um der Windkraft mehr Schub zu verleihen, seien auch pragmatische Lösungsansätze zur Verfahrensbeschleunigung notwendig.

Matthias Haldi vom Berner AUE unterstrich, dass es sich bei den vom Kanton festgelegten Prüfräumen nicht um bereits definitive Entscheide des Kantons handelt. Bild: A. Niederhäusern
Matthias Haldi vom Berner AUE unterstrich, dass es sich bei den vom Kanton festgelegten Prüfräumen nicht um bereits definitive Entscheide des Kantons handelt. Bild: A. Niederhäusern

Grundsätzliche Ausschlussgebiete sind nicht grundsätzlich windenergiefrei
Leonhard Zwiauer vom Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) stellte den rund 70 Tagungsteilnehmern das Windenergiekonzept des Bundes vor (siehe Beitrag von Suisse Eole vom 29.6.17 >>). Der Bund habe sich für die Form eines Konzepts entschieden, um die Rahmenbedingungen bei der Planung von Windenergieanlagen zu präzisieren und um den Einbezug der Bundesinteressen insbesondere auf der Stufe der Richtplanung zu sichern. „Das Konzept ist indes kein Förderkonzept“, betonte Leonhard Zwiauer. „Es berücksichtigt indes die unterschiedlichen Kompetenzverteilungen in den verschiedenen Fachbereichen auf Bundesebene. Die Kantone behalten jedoch ihre Kompetenz zur Ausscheidung geeigneter Standorte für die Windenergienutzung.“ Leonhard Zwiauer zu den im Konzept enthaltenen relativ grosszügigen „grundsätzlichen Ausschlussgebieten“: „Das ist ein starker Begriff, wir sind uns dessen bewusst. Wir wollten damit ein Zeichen setzen. Aber in diesen Gebieten bleibt im Gegensatz zu den „Schutzgebieten ohne Interessenabwägung“ eine Diskussion über Windenergieprojekte möglich.

„Das Konzept Windenergie ist indes kein Förderkonzept“, betonte Leonhard Zwiauer. Bild: A. Niederhäusern
„Das Konzept Windenergie ist indes kein Förderkonzept“, betonte Leonhard Zwiauer. Bild: A. Niederhäusern

Relativierung der 10-H-Regelung
Peter Schwer, Geschäftsführer der New Energy Scout GmbH, ging auf die 10-H-Regelung in Bayern ein, übrigens das einzige deutsche Bundesland mit einer solchen Gesetzgebung. „Die 10-H-Regelung in Bayern führt zu einem kommunalen Planungsverfahren, wie es in der Schweiz praktisch immer notwendig ist“, erklärte er. Sie setze lediglich der in Deutschland bundesweit geltenden Privilegierung von Windenergieprojekten zusätzliche gesetzliche Schranken (siehe auch Beitrag von Suisse Eole vom 6.8.15 >>). Peter Schwer präsentierte einen Überblick über die in Deutschland, Frankreich und Österreich gültigen Abstandsvorschriften für Windenergieanlagen: „Die Abstandsregelungen sind oft auch politisch motiviert. So sind sie in Bayern sehr streng, nicht aber in den nördlichen deutschen Bundesländern, in denen am meisten Anlagen stehen“, stellte Peter Schwer fest und schloss: „Nur in der Schweiz können übrigens die Gemeinden mitbestimmen, ob sie ein Windprojekt wollen oder nicht!“

Peter Schwer präsentierte einen Überblick über die in Deutschland, Frankreich und Österreich gültigen Abstandsvorschriften für Windenergieanlagen. Bild: A. Niederhäusern
Peter Schwer präsentierte einen Überblick über die in Deutschland, Frankreich und Österreich gültigen Abstandsvorschriften für Windenergieanlagen. Bild: A. Niederhäusern

Entwarnung beim Infraschall
In Bayern produzieren aktuell rund 1‘100 Windenergieanlagen Strom, das sind deutlich mehr Anlagen, wie die Schweiz bis 2050 plant. Bernhard Brenner vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sprach über die Windenergie und deren Einfluss auf die Gesundheit. Er stellte fest¸ dass die gültigen gesetzlichen Grundlagen ausreichend seien. „Insbesondere im Infraschallbereich gibt es kein Problem“, wusste der Fachmann zu berichten, „in den Gebäuden, in denen wir gemessen haben, übertreffen die bereits vorhandenen Infraschallquellen den Infraschall der Windenergieanlagen.“ Dies sind unter anderem Kühlschränke, Heizungen, Wärmepumpen usw. Zudem habe man gemessen, dass der Pegel von tieffrequenten Geräuschen bei den betrachteten Situationen des Strassenverkehrs signifikant höher liegt als in der Umgebung von Windenergieanlagen. Windenergieanlagen können als belästigend wahrgenommen werden. Die Studien hätten indes gezeigt, dass dass dies vor allem dann der Fall ist, wenn die Anlagen gut sichtbar sind. Wer schon immer gegen Windenergie gewesen sei, werde sich auch eher belästigt fühlen. Dann seien auch Beeinträchtigungen des Schlafes und Gesundheitsbeeinträchtigungen als Folge von stressvermittelten Körperreaktionen möglich. Wie dies bei vielen Stressfaktoren möglich sei.

Bernhard Brenner vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit stellte fest¸ dass die gültigen gesetzlichen Grundlagen ausreichend seien. Bild: A. Niederhäusern
Bernhard Brenner vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit stellte fest¸ dass die gültigen gesetzlichen Grundlagen ausreichend seien. Bild: A. Niederhäusern

Die Sicht des Bundesamts für Zivilluftfahrt
Am Nachmittag legten die Experten Christian Freiesleben, Christian Kindler, Markus Bühler die Sicht des Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) bezüglich der Windenergie dar. Dazu erklärten sie ausführlich die Organisation des BAZL. Insbesondere unterstrichen die Experten folgende Grundsätze des Bewilligungsverfahrens:

Christian Kindler: „Wenn Sie die Genehmigung von Skyguide, vom VBS und von MeteoSchweiz haben, wird das BAZL in aller Regel das Projekt bewilligen.“
Christian Kindler: „Wenn Sie die Genehmigung von Skyguide, vom VBS und von MeteoSchweiz haben, wird das BAZL in aller Regel das Projekt bewilligen.“

Bezüglich des späten Entscheids zu Windenergieprojekten des BAZL, der erst in der Schlussphase eines Windenergieprojekts erfolgt, erklärte Christian Kindler: „Wenn Sie die Genehmigung von Skyguide, vom VBS und von MeteoSchweiz haben, wird das BAZL in aller Regel das Projekt bewilligen. Ausser es hätte davor irgendwelche Verfahrensfehler gegeben.“

Einen Exkurs in die Forschung bezüglich der Vereinbarkeit von Windenergieanlagen und Funkfeueranlagen lieferte Alexandre Chabory von der Ecole Nationale de l'Aviation Civile ENAC. Die von der ENAC entwickelten Methoden für Simulationen werden zum Teil auch von Skyguide angewandt.

Wie bei dem Zug!
Dr. Matthias Fries, Technical Expert Wind Turbines von Skyguide, erklärte den Zuhörern, in welchen Schritten die Windenergieanlagen auf ihre Verträglichkeit mit der Flugsicherheit geprüft werden: Erstens werde abgeklärt, ob sich die Anlage in einer Luftsicherheitsschutzzone befinde. Wenn das nicht der Fall sei, werde das Projekt durchgewinkt. Als zweites werde die Sichtbarkeit abgeklärt. Sprich: Befindet sich zwischen dem Radar und der Windanlage ein Hügel, der die Reflexionen von der Windenergieanlage verhindert, steht der Bewilligung durch Skyguide auch nichts im Wege. Wenn weder die erste noch die zweite Abklärung positiv ausfällt, führt Skyguide eine elektromagnetische Analysesimulation durch. Zeigt diese, dass die Windenergieanlagen stören könnten, kommen folgende Massnahmen in Frage: „Die Verschiebung des Windturbinenstandortes oder tiefere Anlagen. Weiter klären wir, ob wir das Radarsystem ausser Betrieb nehmen können oder ob wir für den Standort auf ein technisch robusteres System umrüsten können.“ Der Radarexperte erklärte, Radare mit fortgeschrittenen Filtertechnologien würden die Störungsproblematik deutlich entschärfen. So sind in Genf und Zürich neue Primärradare dieser jüngsten Generation im Bau, sprich in Planung. Skyguide investiert 15 Millionen Franken in neue Radare, die besser mit Windenergieanlagen abgestimmt werden können.

Matthias Fries, Technical Expert Wind Turbines von Skyguide erklärte, Radare mit fortgeschrittenen Filtertechnologien würden die Störungsproblematik deutlich entschärfen. Bild: A. Niederhäusern
Matthias Fries, Technical Expert Wind Turbines von Skyguide erklärte, Radare mit fortgeschrittenen Filtertechnologien würden die Störungsproblematik deutlich entschärfen. Bild: A. Niederhäusern

Positive Entwicklungen auch beim VBS
Luca Quiriconi, Luftwaffenstab A6 der Schweizer Armee, erklärte die Behinderungen, die die Schweizer Luftwaffe von Windenergieanlagen befürchtet. Das sind unter anderem eine verschlechterte Signalvermessung und Inhaltsauswertung oder eine Verminderung der Ortungsgenauigkeit. „Wir von der Armee müssen immer entscheiden können, ob ein Flugzeug ein „Freund“ oder ein „Feind“ ist. Daher sind wir auf möglichst genaue Informationen unserer Radare angewiesen“, erklärte Luca Quiriconi. Wie Skyguide hat sich aber auch das VBS tiefer in das Dossier der Windenergieproduktion eingearbeitet und sucht nach Lösungen. Einer der Ansätze ist ein sogenannter Passivradar, das ist ein Sensor, der auf Frequenzbändern wie zum Beispiel FM, DAB oder DVB die Störungen analysiert und daraus die Flugbewegungen errechnet. Durch das Hinzufügen verschiedener Sensoren wird die Redundanz erhöht. „Es handelt sich hier um reine Sensoren, die selber keine Strahlen aussenden“, so Luca Quiriconi. Das VBS spricht in diesem Fall von einem „Sensorsystem durch Multi-Sensor Datenfusion“.

Luca Quiriconi informierte unter anderem über neue Technologien, die die heutigen Radarsysteme dereinst ablösen könnten. Bild: A. Niederhäusern
Luca Quiriconi informierte unter anderem über neue Technologien, die die heutigen Radarsysteme dereinst ablösen könnten. Bild: A. Niederhäusern


Zu den Präsentationen des Seminars (Download)

Text: Anita Niederhäusern im Auftrag von Suisse Eole

Tags

Akzeptanz, Energiepolitik, Gemeinden, Kantone, Technik